BÜRGERBEGEHREN RADENTSCHEID

Essen soll fahrradfreundlicher werden

13. März 2020 | Lesezeit 3 Minuten | von Gudrun Heyder

Die Bürgerinitiative fordert sicheres Radfahren für alle

Ihre Forderungen: ein durchgängiges Radwegenetz, sichere Straßenkreuzungen, mehr Fahrradstraßen, Stopp des Ausbaus von Rechtsabbiegeranlagen, sicheres Radfahren in jedem Alter und mit jeder Fitness, Ausbau von Radstellplätzen. Es müsse Schluss damit sein, dass die Stadt dem Autoverkehr immer noch den Vorrang einräumt. Laut RadEntscheid beträgt der Anteil am Radverkehr in Essen nur sieben Prozent. Die Stadt habe jedoch 2019 beschlossen, dass zukünftig je ein Viertel der Wege per Auto, ÖPNV, Rad und zu Fuß zurückgelegt werden sollten. Auf der Webseite der Interessenvertretung heißt es, die Pläne der Stadt für sicheren Rad- und Fußverkehr habe unverbindliche Ziele, Umsetzung und Planung bekommen die Note „mangelhaft“.

Stadtspitze: „Wir tun sehr viel für den Ausbau des Fahrradverkehrs“

Oberbürgermeister Kufen wirbt auf Anfrage von hyyp für die „Verkehrswende“ in Essen: „Wir haben uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, im Jahr 2035 einen Modal Split von 4 x 25 zu haben. Das bedeutet, dass der Umweltverbund mit dem ÖPNV, dem Fahrrad- und Fußgängerverkehr einen Anteil von insgesamt 75 Prozent und der motorisierte Individualverkehr (MIV) von 25 Prozent haben soll.“

Um dieses Ziel zu erreichen, müsse in Essen gerade der ÖPNV und der Fahrradverkehr gestärkt werden, so Kufen. Als eine der Modellstädte habe Essen bereits die Taktverdichtung im ÖPNV umgesetzt sowie vergünstigte Tickets für Neukund*innen der Ruhrbahn angeboten. Darüber hinaus plane die Stadt derzeit drei neue Fahrradachsen als Stadtteilverbindungen. Ein neuer Standard für Fahrradstraßen werde eingeführt, die erste „Protected Bike Lane“ (geschützter Radfahrstreifen, siehe Info) entstehe mit der neuen Umweltspur in der Essener Innenstadt und die Lücken in Fahrradstraßen im Hauptroutennetz würden geschlossen. „Wir tun aktuell sehr viel dafür, den Fahrradverkehr in Essen besonders im Alltagsverkehr auszubauen, denn im Freizeitbereich sind wir sehr gut aufgestellt. Wir wollen die Verkehrswende schaffen", erklärt Thomas Kufen.

Netzwerk sammelt Unterschriften im gesamten Stadtgebiet

Damit gibt sich RadEntscheid nicht zufrieden. Klara van Eickels, eine der drei Vertretungsberechtigten, meint: „Der Zeitpunkt für unser Bürger*innenbegehren ist gut – Stichwort Klimawandel. Viele Leute sehen einen großen Handlungsbedarf. Wir sind guter Dinge, dass wir die 15.000 Unterschriften zusammen bekommen.“ Der Oberbürgermeister habe freundlich auf den Antrag reagiert. „Weil wir nicht gegen, sondern für etwas sind. Herr Kufen hat uns mündlich zugesagt, dass die Stadt innerhalb eines Monats eine Kostenschätzung vorlegen wird.“

Ab Anfang April wollen Freiwillige im gesamten Stadtgebiet Unterschriften sammeln. Der harte Kern der engagierten Radler besteht aus etwa 15 Leuten, im Netzwerk sind um die 150 Menschen jeden Alters aktiv. „Wir werden vielfach unterwegs sein, Listen in Geschäften auslegen und bei Veranstaltungen informieren“, kündigt Studentin van Eickels an.

Nach den schlimmsten Ecken für Radfahrer in Essen gefragt, erklärt die Vertretungsberechtigte: „Davon gibt es viele! Zwei Beispiele: Ich wohne am Gemarkenplatz in Holsterhausen und könnte sozusagen Luftlinie durch die Planckstraße zum Hauptbahnhof radeln, aber die PKWs fahren dort super schnell und es ist total gefährlich. Der Berliner Platz in der Innenstadt ist sehr unübersichtlich, Fußgänger und Fahrradfahrer brauchen ewig, um ihn zu überqueren.“

Herbert Knebel: „Nich in die Essener Innenstadt. Dat is lebensgefährlich.“

Mit zahlreichen Empfehlungen auf der RadEntscheid-Internetseite stützen überzeugte Radfahrer*innen die Initiative und bestätigen, dass Radfahren in Essen oft unmöglich bis höchst riskant ist. Auch Promis melden sich zu Wort. Herbert Knebel: „(…) nich in die Essener Innenstadt. Dat is lebensgefährlich, schade eigentlich!“ Rebecca Peters, stv. Bundesvorsitzende des ADFC e.V., lobt: „Ihr seid spitze!“

Das Standardargument der ohnehin vom Onlinehandel geplagten Einzelhändler lautet: „Mein Geschäft muss direkt per PKW erreichbar sein, sonst habe ich erhebliche Umsatzeinbußen.“ Klara van Eickels entgegnet: „Studien zeigen, dass der Einzelhandel in fahrradgerechten Städten profitiert. Wo das Auto eines Kunden parken kann, finden zehn Fahrräder mit zehn potentiellen Kunden Platz.“ Etwa in der Gemarkenstraße gehe dieses Konzept auf.

Verkehrsforscherin: kein Recht auf kostenlose PKW-Parkplätze

Andere große Städte sind schon weiter: Dr. Philine Gaffron, Oberingenieurin an der TU Hamburg, forscht unter anderem zu nachhaltiger Mobilität. Als beispielhaft nennt sie vor allem Kopenhagen und Oslo. Ihrer Ansicht nach gibt es kein Recht, sein Auto kostenfrei im öffentlichen Raum und vor jedem Laden abzustellen.

Derzeit sind die Fronten zwischen PKW-Befürwortern und Radfreunden noch verhärtet, die ÖPNV-Anbindungen lassen vielerorts zu wünschen übrig. Wer lebenswerte Städte will und sichere, CO2-sparende Fortbewegungsmöglichkeiten, muss sich selbst für diese Ziele einsetzen. Die Bürgerinitiative RadEntscheid bietet eine prima Möglichkeit dazu, in der Stadt Essen etwas in Bewegung zu bringen.

Einstein: Relativitätstheorie auf dem Fahrrad gefunden

Und wer noch unentschlossen ist, ob er sich Wind und Wetter auf dem Zweirad aussetzen sowie eigene Körperkräfte einsetzen möchte, findet hier noch eine Auswahl unschlagbarer Argumente: „Mir ist es eingefallen, während ich Fahrrad fuhr.“ (Albert Einstein über die Relativitätstheorie, deutsch-schweizerischer Physiker und Nobelpreisträger, 1879 – 1955)

„Das Fahrrad ist das zivilisierteste Fortbewegungsmittel, das wir kennen. Andere Transportarten gebären sich täglich albtraumhafter. Nur das Fahrrad bewahrt sein reines Herz.“ (Iris Murdoch, anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin, 1919 – 1999)

Fahrräder sind fast so gut wie Gitarren, um Frauen kennenzulernen.“ (Bob Weir, US-amerikanischer Sänger, Gitarrist und Gründungsmitglied von Grateful Dead, *1947)

„Frischluft? Freiheit! Fahrrad!“ (Isabel Trimborn, deutsche Schauspielerin und Komödiantin, *1959)

Quelle: https://www.einfachbewusst.de/2014/12/fahrrad-zitate/

Informationen & Mitmachen

Informationen & Mitmachen

Wer 16 Jahre alt und älter ist, ist wahlberechtigt und kann somit auch für den RadEntscheid unterschreiben. Wer mag, sammelt selbst Unterschriften im Freundes- und Familienkreis.

Auf Facebook (@RadEntscheid.Essen), Instagram (@radEntscheid_E) und Twitter (@radEntscheid_E) kann man Inhalte liken und teilen. Um sich zu informieren, kann man den Newsletter abonnieren - Infos auf radentscheid-essen.de.

Treffen: Die Gesamtgruppe trifft sich an jedem ersten Donnerstag im Monat, Interessierte und Unterstützer*innen sind herzlich eingeladen. Ort und Uhrzeit stehen auf der Webseite.

Wer eigene Ideen einbringen will, wendet sich an info@radentscheid-essen.de

RadEntscheid hat AGs zu den Themen Bündnis-Netzwerk, Kampagne und Finanzen, in denen weiterer Sachverstand sicher gerne gesehen wird. Termine finden sich auf der Webseite.

Spenden sind willkommen – z.B. für Rechtsberatung und Werbung. Infos dazu siehe Webseite.

Viele Netzwerkpartner unterstützen das Bürgerbegehren, darunter adfc, BUND, NABU, parents for future Essen, changig city, attac Essen, Ev. Kirche Essen, VielRespektZentrum und weitere.

Protected Bike Lanes
kurz: PBL, deutsch: Geschützte Radfahrstreifen: ein vom ADFC aus Nordamerika importiertes Konzept, mit dem Kommunen schnell und günstig Platz für komfortablen Radverkehr schaffen können. Grob gesagt: Man nimmt dem Autoverkehr eine Spur weg - und legt darauf einen mindestens zwei Meter breiten, geschützten Radfahrstreifen an. Durch eine aufgemalte Pufferzone von mindestens 85 Zentimetern und eine schnell aufzubringende bauliche Barriere (Poller, Blumenkübel, Betonelemente o.ä.) schützt man die neue Radspur vor dem Überfahren und Zuparken durch den Autoverkehr. Vom Fußweg sind PBL meist durch die Bordsteinkante getrennt. In den USA werden die neuen Radspuren in der Regel zusätzlich durch eine Signalfarbe hervorgehoben. Diese Methode besticht dadurch, dass sie im Unterschied zu baulichen Radwegen günstig und schnell umzusetzen – und bei Bedarf schnell weiterentwickelbar ist.

Quelle: https://www.adfc.de/pressemitteilung/adfc-erklaert-protected-bike-lanes/